Großstadtmillennials
ein Leben zwischen präkerer Arbeit, psychischen Problemen, und hookup-Kultur.
Heute schauen wir auf das Mittelalter zurück, und denken: wie kann man damals nur unter so schlimmen hygienischen Umständen gelebt haben. Oder: wie kann man nur Hexenverbrennunung als normal verstanden haben. Die Verhaltensweisen unserer Vorfahren erscheinen uns absurd bis bizarr. Und die meisten von uns würden nicht gerne in so einer Welt leben. In ein paar Jahrhunderten (falls unsere Spezies noch existiert) ,werden wir auf unsere Zeiten kopfschüttelnd zurücksehen. Wie kann es sein dass wir uns gegenseitig wesentliche Grundbedürfnisse abstrittig gemacht haben? Warum haben wir Rauch in die Atemluft geleitet? Wie kann es sein dass wir künstlich Bedürfnisse erzeugt haben, um Leute in Beschäftigung zu bringen? Die Zeiten sind absurd, und in den Gegenden erhöhter Bevölkerungsdichte, lebt ein interessantes Beispiel einer neuen Subgruppe:
der Großstadtmillennial
Er ist zwischen ca 1981 und 1996 geboren, ist also gerade in seiner Blüte. Aber die Umstände sind aus verschiedenen Perspektiven betrachtet nicht optimal um ihm seine Entfaltung zu ermöglichen. “Waren sie eh nie”, würde der Boomer sagen. “So schlimm wie jetzt wars noch nie”, würde der Millennial antworten.
Hier eine kleine Zusammenfassung meiner Beobachtungen aus der Zeit meiner psychosozialen Betreuungsarbeit, in der Familie, und im Freundes-und Bekanntenkreis:
Zwischen Versprechen und Realität
Die Millennials sind in vielerlei Hinsicht Kinder eines großen Versprechens. Ihnen wurde vermittelt, dass Fleiß, Bildung und Anpassungsfähigkeit ausreichen, um ein gutes, stabiles Leben zu führen. In vielen urbanen Räumen spiegeln sich jedoch Lebensrealitäten wider, die mit diesen Versprechen nur wenig zu tun haben. Statt Sicherheit erwarten sie prekäre Arbeitsbedingungen, statt einer klaren Lebensplanung erleben sie eine dauerhafte Schwebe zwischen Optimierung, Unsicherheit und Anpassungsdruck - und das in einer halsbrecherischen Geschwindigkeit. Als wir aufwuchsen, sagten alle “lern programmieren”, jetzt können das die KI-Modelle. Die Großstadt, jahrzehntelang als Motor sozialer Mobilität wahrgenommen, zeigt sich für Millennials zunehmend als Ort permanenter Konkurrenz und struktureller Überforderung.
Während frühere Generationen bereits in jungen Jahren langfristige Lebensentscheidungen trafen – Familiengründung, Erwerb von Eigentum, berufliche Sesshaftigkeit –, sind Millennials oft in einem Zustand anhaltender Transition gefangen. Sie leben in WGs, hangeln sich von befristetem Arbeitsvertrag zu befristetem Arbeitsvertrag, konsumieren Psychopharmaka oder leistungssteigernde Mittel, und führen Beziehungskonzepte, die unter den Bedingungen urbaner Schnelllebigkeit einem ständigen Aushandlungsprozess unterliegen. Gleichzeitig stehen sie unter dem Druck, ein „bedeutungsvolles Leben“ zu führen, innerlich stabil zu sein, und gleichzeitig den Anforderungen eines globalisierten Arbeitsmarktes gerecht zu werden.
Dieses Spannungsfeld erzeugt eine Vielzahl an psychischen Belastungen – und genau hier stellt sich die Frage: Welche strukturellen Rahmenbedingungen begünstigen die Probleme der Millennials? Wie wirken soziale Ungleichheit, Leistungsdruck, digitale Kompetenznormen und urbanes Prekariat zusammen? Und welche Konsequenzen hat das für eine Generation, die noch Jahrzehnte in dieser Gesellschaft leben wird?
Arbeitslosigkeit und Prekarität: Die Illusion der Sicherheit
Die Millennials sind nachweislich die am höchsten formal gebildete Generation der bisherigen Geschichte. In vielen Großstädten haben sie Masterabschlüsse, Zusatzqualifikationen, Praktika und Weiterbildungen vorzuweisen. Doch paradoxerweise finden sie sich oft in einem Arbeitsmarkt wieder, der diese Qualifikationen nur selektiv anerkennt.
Befristungen, Praktika, Freelancer-Modelle und projektbasierte Beschäftigung dominieren besonders in kreativen, sozialen und digitalen Branchen – also genau jenen Berufsfeldern, in die viele Millennials drängen. Die Großstadt wird zum Zentrum eines Arbeitsmarkts, der Flexibilität predigt, aber Sicherheit verweigert.
Für viele Millennials ist Arbeitslosigkeit kein Ausnahmezustand, sondern eine wiederkehrende Lebensphase. Oft nicht sichtbar in klassischen Statistiken, weil sie als „arbeitssuchend“, „in Weiterbildung“ oder „freiberuflich“ geführt werden, erleben sie dennoch Phasen existenzieller Unsicherheit.
Dazu kommt ein strukturelles Problem: Arbeitslosigkeit wird individualisiert. Wer keinen Job findet, dem wird mangelnde Initiative oder Flexibilität unterstellt. Die Politik schnallt den Gürtel enger, und glaubt dass es mit mehr Druck besser wird.
Genau betrachtet zeigt sich jedoch ein anderes Bild:
Es handelt sich um systemische Prekarität, nicht persönliche Unfähigkeit oder Faulheit.
Die Märkte sind überfüllt, die Mieten hoch, die Konkurrenz global. Viele Millennials kämpfen nicht nur gegen strukturelle Benachteiligung, sondern auch gegen eine internalisierte Selbstschuldzuweisung.
Psychische Folgen
Die psychische Belastung durch ständige Befristung und Arbeitsplatzunsicherheit zeigt sich in anhaltenden Sorgen über finanzielle Stabilität, Schlafproblemen, depressiven Symptomen, sozialem Rückzug und langfristig sinkendem Selbstwertgefühl.
Der Großstadtmilieu verstärkt diese Dynamiken: Wer in einem Umfeld lebt, in dem scheinbar „alle anderen“ erfolgreich sind, empfindet eigenes Scheitern doppelt schmerzhaft. Ständiger Selbstvergleich mit Anderen, oder Rückzug in die eigenen vier Wände. Deren Permanenz auch nicht sicher ist.
Dating-Kultur - Dating als Marktmechanismus
Man würde meinen mehr Auswahl macht die Partnerwahl einfacher. Die Dating-Erfahrungen vieler Millennials sind geprägt durch digitale Plattformen, die Begegnungen in ein Auswahl- und Bewertungssystem überführen. Die Großstadt wird dabei zum Epizentrum eines „Überangebots“, das paradoxerweise die Beziehungssuche erschwert. Optionen werden unendlich – Bindungen dafür flüchtig. Die Motivation sich Mühe zu geben weicht der Aussicht dass, die andere Person doch besser passt. Dieses Gefühl der Austauschbarkeit und fehlenden Verbindlichkeit in Kombination mit der Angst vor dem Verpassen einer besseren Option, führt zu emotionaler Abflachung durch den permanenten Swiping-Modus.
Bindungsängste als Spiegel gesellschaftlicher Unsicherheit
Genau betrachtet spiegeln Bindungsprobleme oft strukturelle Belastungen wider. Wenn das Leben selbst instabil ist, wird emotionale Bindung ebenfalls brüchig.
Viele Millennials beschreiben Beziehungen als „Risiko“, das sie sich in unsicheren Phasen kaum leisten können. Denn emotionale Krisen werden schwieriger, wenn die ökonomische Basis ohnehin wackelt. Sich selber kann man vielleicht doch durchbringen, aber zu zweit durch die Probleme manövrieren stellt da eine zusätzliche Unsicherheit da. Und permanenter Misserfolg in einem dysfunktionalen System mindert auch die Sehnsucht nach dem “sich-gemeinsam-etwas-aufbauen” - einem wesentlichen Element der romantischen Bindung. Dann doch lieber Menschen nach Bedarf:
selektieren, konsumieren, und dann aussortieren.
Kompensationsversuche: Essstörungen, Leistungssport, Ritalin, Antidepressiva und die stille Selbstoptimierung
Um sich Erfolgserlebnisse zu verschaffen, muss der Körper zur Steigerung der Selbstwirksamkeit herhalten. Pathologische Ernährungsweise oder extreme Formungsversuche des Körpers durch Sport sind gängige Methoden um ein Gefühl der Kontrolle zu erlangen. Wenn nicht über die Lebensumstände, dann zumindest über den eigenen Körper.
In urbanen Arbeits- und Bildungsstrukturen wird Leistungsfähigkeit nicht nur erwartet, sondern vorausgesetzt. Millennials, die unter Konzentrationsproblemen, Stress oder Erschöpfung leiden, greifen deshalb häufig auf Medikamente zurück – legal oder illegal.
Ritalin und ähnliche stimulierende Präparate werden dabei nicht ausschließlich zur Behandlung diagnostizierter ADHS-Symptome genutzt, sondern oft als Leistungsboost um den Erwartungen entsprechen zu können. Es entsteht ein perfider Kreislauf: Die Anforderungen steigen → Die Belastbarkeit sinkt → Medikamente stabilisieren kurzfristig → Die Anforderungen steigen weiter.
Die paradoxe Situation:
Obwohl Burnout, Depressionen und Überforderung weit verbreitet sind, gelten sie im urbanen Millennial-Milieu oft als Zeichen persönlicher Schwäche. Die Folge ist eine „stille Müdigkeit“ – sichtbar in überlasteten Wartezimmern, aber unsichtbar im öffentlichen Diskurs dieser Generation
Die Sache mit der Pension
Ein zentrales belastendes Element der Millennials ist die Frage:
Werden wir im Alter noch eine Pension bekommen? Auch hier würde der Boomer sagen: “das haben wir uns schon immer gefragt”.
Viele Großstadt-Millennials zahlen seit Jahren Beiträge ein, kennen aber die demografische Lage und wissen: Das System wird unter Druck geraten. Immer mehr junge Erwachsene empfinden ihre Beiträge als unsichere Investition in eine Zukunft, die ihnen keine Garantien gibt. Und dann gibt es auch die, die immer wieder mal nicht einzahlen, weil sie ihren Job verlieren. Steuerliche Optimierung um weniger Transferleistungen zu bezahlen, werden als positiv gesehen. Auch von denen, die davon profitieren würden - also die meisten. Die Individualisierung führt zur Entsolidarisierung. Und bei hoher Bevölkerungsdichte ist das Gefühl “ich kann sowieso nicht allen helfen” naturgemäß ausgeprägter, als wenn ich die Nachbarn persönlich kenne, und in ihr Wohlergehen emotional investiert bin.
Wohnen als entglittener Kostenfaktor
Wohnen in Großstädten ist für Millennials eines der größten strukturellen Probleme. Mietpreise steigen schneller als Löhne, Eigentum ist unleistbar.
Diese permanente Wohnunsicherheit trägt massiv zu Zukunftsängsten bei. Ca 75% der WienerInnen wohnen zur Miete. Tendenz steigend. Eigentum konzentriert sich. Sogar die die einen halbwegs gutbezahlten Vollzeitjob haben - also ihre gesamte Lebenszeit dafür aufwenden Geld zu sparen - müssen jahrzehntelange berufliche Stabilität gewährleisten können, um abzahlen zu können. Und das bei stark steigender Arbeitslosigkeit, und einem massiven wirtschaftlichen Umbruch.
Die Politik
steht da, und schaut ratlos zu. Viele Menschen wählen offensichtlich gegen ihre eigenen Interessen, Leute mit wenig Geld und schlechten Aussichten wählen Parteien die es ihnen noch schlechter machen wollen. Leute die sich für gute und bescheidene Koexistenz einsetzen, werden als Gutmenschen heruntergedodelt, und es wird ihnen Naivität und Realitätsferne unterstellt.
Die Geburtenzahlen brechen ein - ein schlechtes Zeichen für die Zuversicht in die Zukunft. “Wer will schon ein Kind in diese Welt setzen”, ist ein Satz den man nur zu oft hört.
Dabei sind es wir Millenials ja, die gerade die Welt von der Boomer-Generation übernehmen.


Ergänzend zu nennen wären evtl. noch die andauernden Auswirkungen der Pandemie: Zunahme von chronischen Erkrankungen, Behinderungen sowie verkürzter Lebenszeit und dadurch auch drohender oder realer Job-, Partner- und Wohnungsverlust. Infektionsschutz wurde individualisiert und führt somit auch zu einer mentalen, aber auch finanziellen Dauerbelastung, unabhängig ob man zu der Minderheit gehört, die weiterhin Infektionsschutz betreibt oder nicht. Niemand hat Lust zu daten, weil man keine Kraft mehr hat bzw. existentielle Herausforderungen priorisiert werden müssen.